Sind die alle noch ganz dicht?

 KUNST UNBEQUEM? GERN!

Letztens hat die Aktion #allesdichtmachen für Aufruhr gesorgt: über 50 – teilweise sehr bekannte – Schauspieler*innen und Regisseur*innen haben sich in einem, wie sie es nannten, „Satireprojekt“ dem Thema Angst gewidmet und in zahlreichen kurzen Videos erklärt, dass man die Angst noch viel mehr verstärken müsse.

Natürlich ist es an dieser Stelle angebracht, das Thema Meinungsfreiheit sowie die Frage „Was darf Kunst?“ zu stellen – und Antworten zu finden, ist da oftmals gar nicht so einfach.

Als Künstler bin ich auch der Meinung, dass Kunst nicht nur unbequem sein darf, sondern durchaus auch soll. Kunst soll bewegen, aufrütteln, zum Nachdenken bringen, Kunst soll einen ruhig auch einmal aus der Komfortzone hinausdrücken.

Photo by Pim Chu

ABER ES GIBT GRENZEN

Aber für mich persönlich gibt es auch Grenzen – diese sind nach meiner Meinung dort überschritten, wo es darum geht, dass das eigene Verhalten Menschen in Gefahr bringen kann.

Weder als Politiker noch als Künstler ist man eine Privatperson – das, was man sagt oder tut, wird von der Gesellschaft intensiv aufgenommen, ist richtungsweisend und meinungsbildend. Insofern hat man hier auch eine große Verantwortung: ob gerechtfertigt oder nicht, aber die Menschen werden das, was man an Informationen nach außen trägt, annehmen – ganz egal, ob man damit, wie in diesem Fall, den ganz klaren Daten der Wissenschaft widerspricht oder nicht. Menschen glauben gerne das, was in ihr Weltbild passt, nicht das, was ihnen widerspricht.

Wenn jetzt Personen, die zwar bekannt, aber medizinisch in keinster Weise ausgebildet sind, die äußerst wichtigen und lebensrettenden Corona-Massnahmen persiflieren, dann ist das grob fahrlässig und verantwortungslos. Besonders, wenn es gerade die tun, die äusserst gut betucht sind und von den Auswirkungen des Lockdowns im Vergleich ohnehin nur sehr am Rande betroffen sind.

Photo by Will Francis

WARUM?

Was ist der tiefere Sinn dahinter? Warum tut man so etwas?

Persönliche Frustration und ein – im Verhältnis kleiner – Verzicht auf ein paar liebgewonnene Gewohnheiten darf nicht Grund für die Gefährdung der Allgemeinheit sein. Da müssen sehr viele nicht derart privilegierte Menschen sehr viel mehr aushalten. Und tun das auch.

Als Künstler weiss ich, was es heisst, plötzlich ein Jahr keine Konzerte spielen zu können. Ich musste eine fertig gebuchte USA/Kanada-Tournee absagen, die ich aus eigener Hand vorfinanziert habe – es hat Monate gedauert, bis das Geld zurück auf meinem Konto war.

Deswegen auch meine ganz klare Ansage: auch die künstlerische Freiheit endet dort, wo sie anderen Menschen Schaden zufügen kann. Glücklicherweise ist das einem signifikanten Anteil der Teilnehmer*innen schnell bewußt geworden – spätestens zu dem Zeitpunkt, als rechtsextreme Parteien in Lobeshymnen verfallen sind.

Eine Extremsituation wie eine Pandemie werden wir nur durch einen gemeinsamen Kraftakt und ein Miteinander überstehen. Und da sind gerade Personen der öffentlichen Wahrnehmung dazu angehalten, in einer noch kritischen Phase ihre Stellung in der Gesellschaft zum Wohle aller einzusetzen.